Transferprojekt Lies mit

(Bildungsregion Gütersloh)

Seit Juni 2022 wird in der Bildungsregion Gütersloh das Projekt „Lies mit“ durchgeführt. Es verbindet die Idee des Hamburger Lesebandes mit einer regelmäßigen Online-Lesediagnostik, einer langfristig angelegten Fortbildungsreihe für Lehrkräfte, flankierenden Maßnahmen der Schulentwicklung sowie umfangreichen analogen und digitalen Fördermaterialien. Auch Schüler*innen des ersten Jahrgangs werden frühzeitig in die systematische Leseförderung eingebunden.

Finanziert, koordiniert und unterstützt wird das Projekt – an dem mittlerweile 64 Grundschulen im Bezirk der Bezirksregierung Detmold teilnehmen – durch die Reinhard Mohn Stiftung, das Zentrum für Bildung und Chancen, das Bildungsbüro Gütersloh sowie das Schulamt und Kompetenzteam NRW.

 

Untersuchungsdesign

Inwiefern das Projekt „Lies mit“ durch eine mehrphasige Lehrerfortbildung, kontinuierliche Lesediagnostik und begleitende Schulentwicklungsmaßnahmen zu Veränderungen auf den Ebenen professioneller Kompetenz von Lehrkräften, unterrichtlicher Qualität sowie der Leseleistung und -motivation von Schüler*innen beiträgt, wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Begleitung durch Prof. Dr. Juliane Dube (JLU Gießen) (Juni 2022 – Dezember 2023) untersucht.

Dazu kam ein mehrperspektivisches Mixed-Methods-Design zum Einsatz, orientiert am Vier-Ebenen-Modell von Kirkpatrick (1979). Erhoben wurden:

  • Akzeptanz und Zufriedenheit der Lehrkräfte (Online-Fragebögen nach jedem Fortbildungsmodul, Schulgespräche mit verschiedenen schulischen Akteur*innen)
  • Veränderungen in Wissen, Überzeugungen und Professionalisierung (Pre-Post-Fragebögen, Videotranskripte der Fortbildungssitzungen)
  • Unterrichtsqualität (teilsystematische Unterrichtsbeobachtungen mit Fokus auf Klassenführung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung)
  • Leistungs- und Motivationsentwicklung der Schüler*innen (regelmäßige Lesediagnostik via Online-SLS, Kurzskalen zur Lesemotivation)

Die Kombination qualitativer und quantitativer Daten erlaubte eine differenzierte Bewertung des Transfererfolgs.

 

Zentrale Ergebnisse

Die Rückmeldungen von 74 Lehrkräften zeigen: Trotz hoher Arbeitsbelastung wurden sowohl die Diagnostik als auch die Fortbildungsformate und schulischen Begleitmaßnahmen mehrheitlich als gewinnbringend wahrgenommen. Besonders geschätzt wurden die projektinternen Webcasts zu methodischen Grundlagen sowie der kollegiale Austausch zur Planung und Reflexion von Fördersequenzen.

Die Lesediagnosen belegen signifikante und nachhaltige Verbesserungen der Leseflüssigkeit, unabhängig von Jahrgang, Geschlecht oder Herkunft. Zwischen August 2022 und Dezember 2023 zeigten sich deutliche Lernfortschritte, die im Follow-up bis Juni 2024 stabil blieben (Effektstärken im mittleren Bereich, d = 0,5).

 

Insbesondere leistungsschwächere Schüler*innen profitierten: Der Anteil der Kinder im Normbereich konnte mehr als verdoppelt werden (von 27,5 % auf über 55 %) – ein klarer Beleg für die Effektivität der Maßnahme. Die Ergebnisse zeigen zudem, dass gezielte Leseförderung nicht nur leistungsstärkere Kinder erreicht, sondern vor allem dort wirkt, wo der Bedarf am größten ist.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Lesemotivation, das lesebezogene Selbstkonzept und das Freizeitleseverhalten im Verlauf leicht nachließen. Dies unterstreicht, dass kognitive Fortschritte nicht automatisch mit motivationalen oder habituellen Veränderungen einhergehen. Erste Unterrichtsbeobachtungen zeigen zudem Entwicklungsbedarf im Bereich kognitiver Aktivierung, konstruktiver Unterstützung und fachlicher Vertiefung (z. B. Differenzierung der Lautleseverfahren, Verbindung zur Sprach- und Literaturarbeit).

 

Ausblick

Diese Befunde fließen in die Nachfolgestudie „TeachRead“ ein, die ab Sommer 2025 die Unterrichtsqualität im Kontext systematischer Leseförderung vertiefend in den Blick nimmt. Ziel ist die Entwicklung und Pilotierung eines Qualitätsrasters, das sowohl Oberflächenmerkmale (z. B. Klassenführung) als auch Tiefenstrukturen (z. B. kognitive Aktivierung, fachliches Lernen) erfasst. Durch die Verknüpfung mit Diagnosedaten soll die Relevanz dieser Qualitätsmerkmale für einen wirksamen Leseunterricht systematisch untersucht werden.